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Myanmar im Wandel - Im Land der Pagoden

Das ehemalige Burma, das durch eine 50-jährige Militärdiktatur weitgehend isoliert war, öffnet sich zunehmend dem Tourismus. Führte Myanmar bis vor wenigen Jahren noch ein Schattendasein, so scheint es jetzt im Zeitraffertempo die Entwicklung nachzuholen, die sich in den Nachbarländern in den letzten beiden Jahrzehnten bereits vollzogen hat.

Geduldig setzt Herr Than Schicht für Schicht ein Lehm-Tongemisch auf die Töpferscheibe, die seine Frau in geduckter Haltung mit ihren nackten Füßen antreibt. So formen die beiden nach und nach den massigen Rohling für einen Wasserbehälter von etwa 1,20 m Höhe. Eine mühselige, kräftezehrende Arbeit ganz ohne Maschinen und Elektrizität. Ort dieser Szene ist keine Schauwerkstatt in einem Museum, sondern die archaisch anmutende Arbeitsstätte im Dorf Kyauk Myaung am Irrawaddy-Fluss. „Wenn alles gut läuft, schaffen wir fünf dieser Tonvasen pro Tag und erhalten pro Stück umgerechnet einen Euro“, erklärt das Ehepaar stolz, denn damit gehören sie bereits zu den besser verdienenden Lohnarbeitern auf dem Lande. Wenige hundert Meter weiter knattert ein junges Mädchen mit einem Moped an einer Pagode vorbei, auf dem Weg zu einem Händler, der gerade eine neue Lieferung von Smartphones erhalten hat.

Erste Schritte in Richtung Demokratie

Bilder, die symbolisch für den Umbruch stehen, der sich seit 2012 infolge erster vorsichtiger Schritte in Richtung Demokratie vollzieht. Eine Entwicklung, die zwischen Stadt und Land und zwischen Grenzregionen und dem Inneren des Landes mit völlig unterschiedlichen Geschwindigkeiten verläuft. „Rangun, die mit 4,5 Millionen Einwohnern größte Stadt des Landes von der doppelten Größe der Bundesrepublik, hat sich in kürzester Zeit bereits in einen Verkehrsmoloch verwandelt“, sagt Brigitte, die seit 1970 bereits zum sechsten Mal Myanmar besucht. Sie empfiehlt Einsteigern eine Flusskreuzfahrt von Mandalay nach Bahmo, 450 Kilometer auf dem Irrawaddy, der Lebensader Myanmars. „Hier trifft man nicht nur auf wunderbare Landschaften, sondern vor allem auf äußerst freundliche Menschen, für die ausländische Gäste noch Exoten sind“, schwärmt die Schweizerin.

Goldene Pagode, Myanmar

Auf dem Irrawaddy

An Bord des Schiffes nimmt der Ex-Berliner Thomas die 34 deutschsprachigen Gäste in Empfang. An der Humboldt-Uni hatte er einen Burmesisch-Kurs belegt und sich bereits während seines ersten Besuches in das Land verliebt. Nachdem er nahezu ganz Südostasien durchquert hatte, entschied er sich für Myanmar als neue Heimat. „Die Herzlichkeit der Burmesen nimmt einen sofort gefangen, alles ist so unverfälscht und offenherzig“, begründet er seinen Entschluss.

Nachdem sich die Gäste in ihren großzügig geschnittenen Kabinen eingerichtet haben, kann die Reise am nächsten Morgen beginnen. Langsam saugt die Sonne den morgendlichen Nebel über dem Fluss auf und gibt den Blick auf eine idyllische Landschaft frei. Fischer begeben sich mit ihren schmalen Booten auf Broterwerb, Flößer winken den Gästen an Bord von ihren fragil erscheinenden Bambusfahrzeugen zu, an den Ufern bestellen Bauern ihre Reis- und Gemüsefelder. Vorbei geht es an einfachen, auf Stelzen errichteten Hütten und prächtigen Pagoden, die auch in den kleinsten Siedlungen dicht aneinander gelegen mit ihren goldenen Spitzen die Sonne reflektieren.

In der ältesten Siedlung Myanmars, dem kleinen Ort Tagaung, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Rinder ziehen wie vor 100 Jahren Karren auf unbefestigten Wegen, ein Bild, das ab und an von einfachsten traktorähnlichen Gefährten unterbrochen wird. In einer Klosterschule sitzen Novizen vor einer Schiefertafel, junge Frauen bieten auf dem Markt Gemüse, Obst und Bethelnüsse an, Garküchen locken mit leckeren Snacks am Wegesrand. Am Abend überrascht eine Jugendgruppe völlig sporadisch die Reisenden mit traditionellen Volkstänzen an Bord.

Auf den Spuren George Orwells

Mayanmar hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1885 integrierten die Briten Burma kurzerhand in ihre indische Kolonie. In Katha, einer Stadt mit etwa 80.000 Einwohnern, in der George Orwell in den 20er-Jahren als Polizist seinen Dienst ableistete, ist vom Glanz des Britischen Empire heute nur wenig erhalten. Zwar steht das Gebäude des einstigen Europäischen Clubs noch, das Orwell in seinem Buch „Tage in Burma“ beschreibt, auch führt man ausländische Besucher zu einem Haus, in dem Orwell gelebt haben soll, doch ansonsten scheinen die einstigen Bindungen an die Kolonialmacht vollends gekappt zu sein. Chinesische Billigwaren haben neben einheimischem Obst und Gemüse die Märkte erobert, Händler sitzen vor Mattscheiben, auf denen gerade koreanische Seifenopern flimmern, Trishaws dominieren das Straßenbild und aus dem von Mopeds aufgewirbelten Straßenstaub erscheinen die Konturen eines im Bau befindlichen Beton-Glas-Edelstahl-Palastes, der sich inmitten der Architektur aus schlichten Häusern und Hütten wie aus einer anderen Welt ausnimmt.

In den Orten nördlich von Mandalay sind Touristen noch eine rare Erscheinung. Dabei schlummert hier ein beachtliches Potenzial an Reiseerlebnissen. So kann man z. B. Goldwäschern bei der Arbeit zusehen, sich mit der buddhistischen Lehre beschäftigen oder ein Ausbildungscamp für Arbeitselefanten besuchen. Und Mandalay selbst bietet mit der Mahamuni-Pagode, dem aus Teakholz erbauten Shwe-Nandaw-Kloster, dem Mandalay Hill, der U-Bein-Brücke und all seinen Kunsthandwerksbetrieben Höhepunkte en masse. Vielleicht wird sich der Tourismus in wenigen Jahren gar zu einer echten Alternative zum Teakholzabbau entwickeln.

Text: Michael Juhran, gedruckt in UrlaubTipp im Februar 2014

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