Fasziniert vom Zauber der Seidenstraße

Ein Reisebericht von Dr. Bernd Kregel

Nirgendwo wird die Faszination der Seidenstraße eindrucksvoller erfahrbar als im Sonderzug „Registan“ entlang den uralten Karawanenwegen.

Lodernde Flammen erhellen die Nacht. Doch wehe dem, der sich ihnen zu leichtfertig nähert, um vom Kraterrand aus mit gewagtem Blick in die Tiefe ihr ganzes Ausmaß zu erkunden. Sengend und brennend hüllen sie ihn im Gegenwind ein und verstärken damit das deutlich spürbare Faszinosum dieses apokalyptisch anmutenden Ortes. Ist dies nicht der Feuerring, den Wotan einst mit Loges Hilfe strafend um seine ungehorsame Tochter Brünnhilde herum entzündete? Oder gar das Eingangstor zu Dantes flammendem Inferno, hinter dem der Eintretende alle Hoffnung fahren lassen soll?

Wen verwundert es, dass der heilige Schauder, der den Betrachter bei diesem Anblick erfasst, auf vertraute Bilder aus der Götter- und Unterwelt zurück greift, um dieses einzigartige Phänomen angemessen nachzuvollziehen. Denn die nächtliche Dramaturgie der züngelnden Feuerkulisse übersteigt bei weitem die natürliche Erklärung, dass hier, mitten in der turkmenischen Karakumwüste, eine entzündete Erdgasader mit vielen Zungen fauchend aus dem porösen Kraterboden austritt. Welch eindrucksvolles Erlebnis gleich zu Beginn einer inspirierenden Bahnreise durch die Weiten Zentralasiens entlang der legendären Seidenstraße!

Von China bis ans Mittelmeer

Studentinnen in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabad

Vorbei an jenem Geflecht von Karawanenwegen, auf dem einst die kostbare Seide auf Kamelrücken aus dem fernen China bis ans Mittelmeer transportiert wurde. Entlang der unwirtlichen Taklamakan-Wüste und durch die Steppen Zentralasiens bis hinein ins Römische Reich, wo bereits in vorchristlicher Zeit die enorme Nachfrage des hauchdünnen Gewebes nur durch einen außerordentlich hohen Preis im Zaum gehalten wurde.

Irgendwann jedoch gelangte das Staatsgeheimnis der Seidenproduktion durch den Verrat einer chinesischen Prinzessin an die Öffentlichkeit. Dadurch verlor das Reich der Mitte nicht nur sein über Jahrhunderte behauptetes Herstellungsmonopol. Er bedeutete schließlich auch das Ende der langen Kamelkarawanen, die nun für diesen speziellen Zweck überflüssig geworden waren. Später jedoch traten moderne Fernstraßen an ihre Stelle. Und nicht zuletzt waren es Schienenstränge, die es heute sogar ermöglichen, sich mit dem Blick aus dem Zugfester auf angenehme Art vom Zauber der Seidenstraße begeistern zu lassen: von Turkmenistan über Usbekistan bis weit hinauf in den Steppengürtel von Kasachstan.

Einstiegsort für den bereits legendären „Registan“-Sonderzug mit seinen bequem ausgestatteten Abteilen ist Aschgabad, die turkmenische Hauptstadt südöstlich des Kaspischen Meeres. Sie gefällt sich im Gepränge modernistischer Hochhäuser, die eindrucksvoll den Sieg der zwanzigjährigen staatlichen Unhabhängigkeit des Landes über die unerwünschte sowjetische Vorherrschaft zur Schau stellen. Bereits hier bezeugt das äußerst dekorativ gestaltete Nationalmuseum in seiner archäologischen Abteilung mit Fundstücken aus historischen Ausgrabungsorten wie Nisa und Merv die Pracht und Herrlichkeit der alten Seidenstraßen-Tradition.

Kultureller Glanz Zentralasiens

Registan: Freundliche Menschen auf orientalischen Märkten

Aber erst mit dem Überschreiten der Grenze nach Usbekistan gewinnt in Moscheen und Minaretten, Medresen und Märkten der von der Seidenstraße ausgehende Charme sein unverwechselbares Profil. Und immer wieder ist es derselbe Name, der mit den prächtigsten Bauwerken in Verbindung gebracht wird. Es ist der in Legenden gefeierte Herrscher Timur, dessen Durchsetzungskraft sich der unvergleichliche Glanz Zentralasiens bis heute verdankt.

Denn mit seinem Sieg über die Mongolen trug er in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht nur bei zum Untergang der berüchtigten „Goldenen Horde“, womit er seine eigene Prachtentfaltung in die Wege leitete. Durch seinen Sieg über die Türken bei Ankara verhütete er zudem, gleichsam als Nebenprodukt seines orientalischen Machtstrebens, deren Einfall in Europa. Ein Politikum, das die Entstehung der europäische Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts ermöglichen sollte, die ihrerseits einen nachhaltigen Einfluss auf die moderne westliche Zivilisation ausübte.

Prunkbauten in Buchara

Usbekische Tanzvorführung in Buchara

Als eines der ersten architektonischen Prunkstücke seiner Regierungszeit präsentiert sich auf dieser Zugreise die Stadt Buchara. Dilbar, eine kulturbewusste Usbekin durch und durch, wird während ihrer Stadtführung nicht müde, die Vorzüge der zahlreichen städtebaulichen Kleinode zu erklären, die längst ihren festen Platz in der Unesco-Weltkulturerbeliste gefunden haben. Ein großer Teil dieser Kostbarkeiten erschließt sich bereits vom zentralen Kalan-Platz aus mit seinem hohen Terrakotta-Minarett aus vormongolischer Zeit sowie den Atem beraubenden hohen Majolika-Eingangsfassaden zu den Medresen und Moscheen.

Noch stimmungsvoller geht es zu in dem am Stadtrand gelegenen Heiligtum des Sufi-Ordens. Auch ohne tanzende Derwische überzeugt die tiefe und zugleich heitere Frömmigkeit der Pilger, die hier andachtsvoll die Gräber ihrer Heiligen aufsuchen. Gemäß der Weisheit ihres mystischen Gelehrten Abu Said wollen sie nach Möglichkeit nichts besitzen und von nichts besessen werden, um am Ende ihres spirituellen Weges aufzugehen im göttlichen Prinzip.

Weltliches Gegenstück dieses hochrangigen Heiligtums bildet der zentrale Basarplatz Lab-e Haus. Hier ist es vor allem das Denkmal des im ganzen Land gefeierten Nasreddin, eines Spaßvogels nach Art des Till Eulenspiegel, der sich – reitend auf einem Esel – bei stetigem Andrang seiner Fans über die anhaltende Wirkung seiner schalkhaften Anekdoten nicht zu sorgen braucht. Besonders deshalb, weil sie sogar höchste Autoritäten nicht ungeschoren lassen. In unmittelbarer Nähe wartet ein gemütliches orientalisches Teehaus auf Kundschaft. Von seiner Dachterrasse aus gewinnt man den Eindruck, als hätten sich die prachtvollen türkisfarbenen Kuppeln Bucharas wie zum Abschied in Reih und Glied vor den Gästen der Stadt aufgestellt.

Hauptfrauen und Konkubinen

Denn schon nimmt die Reise weiter Fahrt auf, diesmal entlang dem Ufer des Amu Darja, dem südlichen Zufluss des Aralsees, mit dem Ziel Chiwa. Viele Khane sah diese Vorzeigestadt im Verlauf ihrer Geschichte, die in der hoch aufragenden Festung von einem prachtvollen Thronpodest aus herrschten. Bis im Jahr 1868 die Russen kamen und ihren politischen Einfluss geltend machten. Zunächst unter dem Zeichen des Romanow-Doppeladlers und später unter Hammer und Sichel.

Das bedeutete natürlich auch das Ende des prachtvoll ausgestatteten „aktiven“ Harems, in dem die vier Hauptfrauen des Khans in separaten Diwans untergebracht waren. Vier Jahre dauerte jeweils ihre Ausbildung, bei der sie über die Vorlieben ihres Gebieters unterrichtet wurden. Stets kamen sie aus vornehmen Familien und gebaren ihm standesgemäße blaublütige Kinder. Ganz im Unterschied zu den zahlreichen Konkubinen, denen – einfachen Familien entstammend – dieses Privileg nicht zugestanden wurde.

Samarkand als „schönste Stadt der Welt“

„Registan“-Platz  der usbekischen Hauptstadt Samarkand

Eindeutiger Höhepunkt der zentralasiatischen Seidenstraße jedoch ist die Stadt Samarkand. Von Timor zur Hauptstadt seines Reiches zu einem wahren Schmuckstück ausgebaut, schwelgt sie noch heute in üppigem architektonischen Reichtum, der zunächst vergessen lässt, dass dieser sich im wesentlichen seinen zahlreichen Eroberungszügen verdankt. Unübertroffen der Registan-Platz, der nicht nur bei Einheimischen den Ruf Samarkands als der „schönsten Stadt der Welt“ begründet.

Nicht zu Unrecht. Denn womit sonst wollte man die Strahlkraft der umgebenden Bauwerke vergleichen: mit dem Taj Mahal oder gar mit dem Kölner Dom? Dabei präsentiert sich das gesamte Anwesen mit seinen Fassaden, Medresen und Innenhöfen in liebevoll renoviertem Zustand. Geradezu umwerfend die mit Goldmustern verzierte Innenkuppel der früheren Freitagsmoschee, für die allein bei der Renovierung im Jahr 1989 siebzehn Kilogramm Blattgold verwendet wurden. Je nach Stand der Sonne schimmert sie nun tagsüber in drei unterschiedlichen Blautönen und verwöhnt dabei mit ihren überaus kunstvollen Ornamenten die Sinne der staunenden Betrachter.

Licht aus dem Osten

Bei all seinen militärischen Erfolgen verfügte Timur damals auch über die menschliche Größe, seinen Ruhm zu teilen. Besonders mit einem Wissenschaftler von Weltformat, dem Astronomen Ulugbek, der schon damals den Sternenhimmel präzise vermessen hatte und durch eine beeindruckende Versuchsanlage das Sonnenjahr in seiner Länge exakt zu bestimmen wusste. Nun ruht er im Timur-Mausoleum direkt neben seinem Herrscher und steht mit seiner Weisheit stellvertretend für das „Licht aus dem Osten“, von dem das Abendland lange Zeit profitierte.

Der zu Reisebeginn im turkmenischen Aschgabad eingeschlagene Bogen in nordöstlicher Richtung schließt sich nach 5200 Kilometern „Registan“-Zugfahrt in Astana, der neuen Hauptstadt von Kasachstan. Hier ist Ende Oktober inmitten der kasachischen Steppe bereits der Winter eingebrochen, der die unerwartet repräsentativen Prunkstücke moderner Architektur einhüllt in weißen Puderzuckerschnee. So auch die schon heute über die Landesgrenzen hinaus gerühmte Pyramide des Berliner Reichstagskuppel-Architekten Norman Foster, die unter ihrem Dach die mehr als vierzig unterschiedlichen Religionen Kasachstans symbolisch vereinigt.

Würdiger Endpunkt einer Reise in eine Region, die wegen ihrer Bodenschätze immer größere Bedeutung auch für Europa gewinnen wird. Und die mit einer uralten Handelsroute aufwarten kann, deren Mythos in absehbarer Zukunft wohl kaum verblassen wird.

Fotos & Text:

Dr. Bernd Kregel
www.bernd-kregel.de


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